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Thema: Kurzgeschichte - Aus den Fugen geraten

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    Legende Avatar von Holli
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    Standard [Kurzgeschichte] DSA - Aus den Fugen geraten

    Die Zeit drängte. Schnaufend schleppte Marja die schweren Kisten mit Brandwein, aus dem Gewölbekeller über die knarzenden Dielen des Verkaufsraumes zum alten Handkarren. Therondar Weißenbinge trat schwankend aus seiner Schlafkammer heraus. Eine stinkende Fahne von Alkohol eilte ihm voraus. Er war der Besitzer vom "Tinte und Teer" und beobachtete vorerst das Treibendes Mädchens nur. „Bist du immer noch nicht fertig?“, knurrte der Mann mittleren Alters anschließend. „Es tut mir leid, ich musste noch auf meinen Bruder aufpassen“, entgegnete sie ihm mit einem leicht verbitterten Unterton und spurtete in den Gewölbekeller, um endlich die letzte Kiste ans Tageslicht zu befördern. Als die Ladung vollständig war, ging sie los. Es war noch früh am Morgen und die dicken Rauchschwaden der frisch angefeuerten Schmiedeöfen aus diesem Viertel hingen in den Gassen der ganzen Stadt. In den Rinnen vor den Häusern floss eine stinkende Brühe. Auch kam es vor, dass neben Fäkalien aus den Nachttöpfen der Kadaver einer Ratte oder gar eines Hundes zu finden war. Uhdenberg war die höchstgelegene Stadt Aventuriens, aber mit Sicherheit kein Reiseziel.
    Das Klirren der Flaschen und das Rattern des Karrens hallte an den Hauswänden wieder. Bei der Schenke angekommen, pochte Marja mit der Unterseite der Faust lautstark gegen die Tür. Es dauerte einige Zeit bis sie Schritte innerhalb des Gebäudes vernehmen konnte. Die Tür schwenkte auf.
    „Wer… Ach ja. Du.“ Der Wirt blickte griesgrämig auf das Mädchen vor ihm. „Raik! Bring die Lieferung in den Keller!“, brüllte er in den Innenraum und einen Moment später hörte Marja die Schritte einer zweiten Person. Raik erschien im Türrahmen. Dieser schaute ebenfalls griesgrämig drein. Die Verwandtschaft war offensichtlich. Mit einem kräftigen Schlag auf den Rücken beförderte der Wirt seinen Sohn nach draußen. Marja beobachtete die Szene mit großen, skeptischen Augen und als sie merkte, dass der Wirt nach drinnen verschwunden war, sprintete sie hinterher.
    Der Schankraum war dunkel und stickig. Es roch nach verbrauchter Luft, verschütteten Bier und nach Menschen. Das Mobiliar war alt und abgesessen, die Fenster dreckig und stumpf. Staubige Trophäen starrten von den Wänden. Es musste lange her sein, als sie ihr Leben hergaben.
    Marja gelangte an einen Tresen. Der kräftige Mann warf ihr lieblos einige Münzen entgegen. Das Mädchen zählte sie durch. „Es war mehr ausgemacht“, zischte sie. Der Wirt lachte auf. „Verschwinde, sonst kommst du auch in den Keller.“
    Marja wollte sich das nicht gefallen lassen. So jung sie auch war, das Mundwerk war ausgewachsen. „Es war mehr vereinbart, kapiert?“
    „Und du kapierst nicht, dass die Lieferung zu spät ist. Gestern war ausgemacht und nun verschwinde!“ Währenddessen bäumte sich der Besitzer der Schenke beugte sich jedoch über den Tresen und schob ihr mit einem bedrohlichen Blick die Münzen zu. Marja stolperte erst einige Schritte rückwärts und verschwand schnellsten nach draußen. Schniefend, den leeren Karren zerrend, machte sie sich auf den Weg zurück zum Alchemisten, durch die dreckigen Straßen, vorbei an dreckigen Menschen. Tränen rannen über Marjas Gesicht und zeichneten ihre Bahnen auf die staubigen Wangen.

    So trottete das sie durch die Straßen. Mit dem weiteren Anstieg der Sonne zog auch weiteres Leben in die Straßen.
    Plötzlich traf Marja ein Kiesel an der Schulter, einer weiterer am Bein. Ein Dritter verfehlte sein Ziel, sprang von der Straße kurz wieder auf und kullerte noch ein Stück dahin. Anstatt aufzuschauen und um sich zu blicken, zog sie mit schneller werdenden Schritten weiter. „Heulsuse!“, spottete ein Junge. Dann Gelächter mehrerer Kinder. „Unglücksbringer!“, rief nun ein Mädchen. Erneut wurden Marjas Schritte schneller. Doch drei Jungen und zwei Mädchen, um die elf bis zwölf Jahre und damit etwas älter als Marja, blockierten jegliches Weiterkommen.
    „Ich hab‘ zu tun“, schimpfte sie.
    Die Gruppe schien davon unbeeindruckt. Nacheinander verschränkte jedes der Kinder die Arme.
    „Ich muss weiter“, fügte sie hinzu.
    „Nein, musst du nicht. Wir haben etwas zu klären.“ Der Junge, der „Heulsuse“ gerufen hatte, übernahm das Wort und trat einen Schritt vor. Er hatte kurzes, braunes Haar und trug Tunika und Hose. Marja ließ vom Handwagen ab und stellte. Nach einem Blick gen Sonnenstand entgegnete sie nur „jetzt?“.
    „Du hast unsere Fenster kaputt gemacht.“
    „Das war ich nicht!“
    „Meine Mutter hat dich wegrennen sehen. Außerdem konnte ich dich noch nie leiden.“
    Der Junge setzte ein paar Schritte nach vorne. Die anderen Vier feuerten ihn an. Marja blieb stehen, als der der ihr Gegenüber weitere Schritte auf sie zu lief. Ohne Vorwarnung sprang Marja entgegen. Mit einem lauten Schrei rammte sie diesen frontal mit ihrer Schulter. Der Angegriffene taumelte nach hinten, konnte sein Gleichgewicht schnell fangen. Nun setzte dieser zum Angriff an und die Kontrahenten verkeilten sich. Beide waren gleich unnachgiebig im Willen, nur war Marja körperlich unterlegen und ging zu Boden.
    „Los Jasold, mach sie fertig!“, brüllte es aus der Gruppe. Jasold drückte die sich windende und schreiende Marja weiterhin mit seinem Körpergewicht zu Boden und versuchte noch ihre Arme zu fixieren. Fast schon spielerisch ließ er dem linken zappelnden Arm Freiraum, als sei es nur eine lästige Fliege. Sein gehässiges Grinsen untermalte die siegerische Pose auf ihr. Doch das Mädchen strampelte, schlug mit der einen noch freien Hand wild um sich und traf Jasolds Kinn. Dieser zuckte und schloss die Augen für einige Momente. Ein weiterer Schlag erfolgte gegen die gleiche Stelle. Unweigerlich ließ er von seiner Kontrahentin hab, wie eine Katze, die mit Wasser bespritzt wurde. Jasolds Körperspannung ließ nach. Marja zog ihre rechte Hand auf der Umklammerung. Mit beiden Händen ergriff sie ihn am Kragen seiner Tunika. Mit einem Ruck zerrte sie ihn an sich heran und biss, so fest sie konnte, in dessen Schulter. Jasold brüllte und versuchte sich nun endgültig aus seiner Position zu befreien. Die Gruppe im Hintergrund verstummte.
    Wie ein zappelnder Fisch wandte sich Marja aus der Situation. Etwas unbeholfen stand sie auf und jappste: „Ich konnte dich auch noch nie leiden.“ Nun stand auch Jasold auf. In seinen Augen glänzten Tränen der Wut. Mit der linken Hand hielt er sich die rechte Schulter. Nein, er wollte nicht aufgeben. Wieder feuerte die Gruppe ihn an. „Du blödes Miststück!“, schrie er. Nun löste sich ein Mädchen aus der Gruppe und gab Jasold einen Dolch. Sein arrogantes Grinsen kehrte wieder, als er die Klinge vor sich hielt. Marja hingegen war unbewaffnet und ging einige Schritte zurück, bis sie mit den Füßen an ihren Handkarren stieß und rücklings zu Boden plumpste.
    Geändert von Holli (06.05.2019 um 17:43 Uhr)

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